- Home
- Der Juckreiz
- Juckreiz-Online
- eArtikel
- Artikel-Einsenden
2010-04-15 19:25 von Janik ("lex") (0 Kommentare)
(kon) “Tut mir leid, das geht nicht” war die Reaktion der Verkäuferin. "Ich darf ihnen das so nicht verkaufen." Tobias E. versteht die Welt nicht mehr. Den Laptop, den er sich auf Raten kaufen wollte, hat er nicht bekommen. Irgendeine mysteriöse Zahl im Computer an der Kasse habe angezeigt , dass er nicht kreditwürdig sei. Den Grund konnte Ihm niemanden sagen. Wahrscheinlich liegt es daran, dass er in Kreuzberg wohnt und Student ist. Vermutete er.
Das könnte auch stimmen. Denn die Entscheidung, ob jemand kreditwürdig ist oder nicht, überlassen die Gläubiger heute immer öfter einer rätselhaften Zahl, die jeder Mensch hat und von der nur wenige wissen, wie sie entsteht. Immerhin, einen Namen gibt es für dieses System schon.
“Scoring” nennt sich das Verfahren, Menschen nach Nummern zu sortieren. So ganz aus dem Nichts entstehen solche Zahlen natürlich nicht. Die Schufa, die Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung berechnet diese Werte. An sich ist die Schufa ein seriöses Unternehmen, das eingerichtet wurde, um den Banken bei der Kreditvergabe die Entscheidung zu erleichtern. Doch die Schufa hat sich gewandelt. Früher konnte die Bank nur erfahren, ob der Kreditkunde schon einmal ein Kredit nicht zurückgezahlt hat oder ob er gerade Schulden hat. Die Banken mussten sich dann immer noch ihr eigenes Bild von ihrem Kreditkunden machen. Heute ist das anders. Die Schufa sammelt so ziemlich alle Daten und Informationen über Personen, die sie irgendwie finden kann und berechnet daraus eine Zahl, von der die Banken immer mehr Kredite abhängig machen.
Der Haken an dem mehrdimensionalen Verfahren ist, dass solche Fälle wie die des Tobias E. auftreten. Dass Menschen, die nie eine Zahlungsfrist versäumt haben, keinen Kredit erhalten, weil sie am falschen Ort wohnen. Karstadt/Quelle beispielsweise liefert in einige Stadtteile nur noch gegen Vorkasse. Oder das Problem mancher Arbeitslose, die keinen Job bekommen, weil sie kein Girokonto haben und die kein Girokonto bekommen, weil sie keinen Job haben. Das ist Diskriminierung!
Von all dem will die Schufa nichts wissen. Jeder kann schließlich seinen Score sperren lassen. Kann man machen. Sollte man aber auf gar keinen Fall. Denn ganz ohne Score geht sowieso nichts.
Problematisch ist auch die Sache mit der Auskunft. Wer erfahren will, wie hoch sein Score ist, muss erst mal zahlen. Wer dann auch noch gerne die Daten kennen würde, die über ihn gespeichert sind, muss noch mehr bezahlen. Bis vor kurzem bestrafte die Schufa außerdem jeden, der etwas über seinen Score erfahren wollte, mit einer Verschlechterung desselben.
Aber nicht nur die Schufa macht Scores. Mittlerweile gibt es zahlreiche Firmen, die Daten über Menschen sammeln. Diese Firmen haben sich meist auf Scores zu bestimmten Themen spezialisiert. Übrigens ein profitables Geschäft. Wer bei solchen Firmen versucht, Auskunft über seine persönlichen Daten zu erhalten, bekommt meist keine. Die Technik ist mittlerweile schon so weit, dass die Daten in den Score eingerechnet und dann gleich wieder gelöscht werden können. Also müssen die Firmen auch keine Angaben über gespeicherte Daten machen. Aber was noch schlimmer ist: Wenn niemand mehr weiß, welche Daten dem Score zugrunde liegen, kann man sich auch nicht mehr gegen Irrtümer wehren. Und nichts verjährt. Denn der Score verzeiht nie.
Eines muss man der Schufa zugestehen: Der Score an sich hat eine gewisse Berechtigung. Denn in nicht wenigen Fällen ist es auch im Interesse des Kreditkunden, wenn er keine weiteren Darlehen mehr bekommt. Viele Menschen in Deutschland sind hoch verschuldet, finanzieren ihre Schulden mit immer neuen Krediten. Und wer sich den 3000-Euro-Plasmabildschirm nur auf Raten kaufen kann, sollte sich eigentlich mal überlegen, ob es nicht auch ein paar Nummern kleiner geht.
Einen Kommentar schreiben